Baugeschichte der Martinskirche (ehem. Simultankirche)

baugeschichte

Link zum Festvortrag von Eberhard Prause zur 100-Jahrfeier

 

Fotos der Restaurierung der Kirche von 2005/06

Für die Kasernenanlagen der „Albertstadt“ wurde 1879 ein Wettbewerb für ein eigenes Gotteshaus ausgelobt. Der 1. Preis ging an die Architekten William Lossow und Hermann Viehweger, die sich in Dresden bereits um das Schauspielhaus verdient gemacht hatten. Der Bau zweier Kirchen (für jede Konfession eine) unter einem Dach, einer sogenannten Simultankirche, wurde mit dem Gesamtgrundriss in Form eines lateinischen Kreuzes gebaut. Der evangelische Teil  (breites Querhaus) und der katholische Teil  (verkürztes Langhaus) berühren sich mit einer dicken Brandmauer und werden unter einem Dach verbunden, sodass die Garnisionkirche wie ein ganzes Langhaus erscheint. Die Chöre sind nach Süden ausgerichtet.
Die Grundsteinlegung erfolgte im Beisein von Vertretern des Staates, des Königshauses und der Kirchen am 28. Oktober 1895. Bemerkenswert ist, dass insgesamt 3 Grundsteine gelegt wurden, wovon einer für den katholischen, einer für den evangelischen Teil und einer für den Turm bestimmt war. Die Einweihung erfolgte am 28. Oktober 1900.
Der auf quadratischem Grundriss erbaute 90 m hohe Turm erinnert in Form und Stellung an einen italienischen Campanile. Er ist vom Fuß bis zur Spitze aus Sandstein gemauert und durch eine vergoldete Turmkugel und ein Kreuz bekrönt. Gegliedert ist der Turm in mehrere Geschosse. Zu ebener Erde befindet sich eine offene Halle mit 2 großen, durch Archivolten verzierten Stufenpor- talen nach Norden und Osten, wo mehrere Bronzegedenktafeln für gefallene Soldaten des Deutsch-Französischen Krieges (1870/71) angebracht sind. Darüber sind 2 geschlossene Geschosse, die sich durch Rundbogenfriese und Blendarkaden hervorheben, 2 Löwen halten ein sächsisches Wappen.
Der im Geschossinnern befindliche, in englischem Rot ausgemalte Raum beherbergt ein Gipsmodell der Kirche im Maßstab 1:100 sowie zahlreiche Modelle und Formstücke von Schmuckelementen, Kapitellen und Konsolen der Innenausstattung der Kirche. In den nächsten 2 Geschossen, gekennzeichnet durch überliegende schlanke 3-teilige Fenstergruppen, befinden sich 2 Glockenstühle. Im davon oberen Geschoss sind 4 Balkone vorhanden. Der viereckige Grundriss wird abgeschlossen durch einen Rundbogenfries. Die darauffolgenden 4 Ecktürmchen bilden mit dem „Uhrgeschoss“ den Übergang zum Achteck. Das darüberliegende Geschoss wird gegliedert durch Balustraden mit Rundbogentüren, Rosen und Spitzgiebeln.
Äußerlich ist die Kirche durch eine Quaderung der Sandsteinfassade geprägt. An der Südfassade ist deutlich die Doppelfunktion erkennbar: links der breite, stark hervorspringende evangelische Chor mit 3 großen Fensterrosen, seitlich begrenzt durch Treppentürme und vorgelagerten Kapellenkranz, im neuromanischen Stil ausgeführt, während der rechts daneben liegende kleinere katholische Chor mehr dem gotischen Vorbild folgt. Kräftige Strebepfeiler zwischen den Rundbogenfenstern betonen hier die Vertikale.
Die großen Ost- und Westgiebel werden bestimmt durch eine Fensterrose über den Eingangsportalen. Die durch den Turm geteilte Nordfassade besitzt ebenfalls 2 Giebel mit Fensterrose sowie darunterliegende Rundbogenfenstergalerien über den jeweiligen Eingangsportalen beider Kirchen.
Das Steildach der Kirche ist stark gegliedert und nimmt 2/5 der Gesamthöhe des Baues ein. Die Giebelfirstpunkte sind durch Kreuzblumen, die Traufpunkte durch Fialen geziert, Dreiecksgaupen lockern das Dach auf. Nach dem Vorbild der Gotik finden sich Wasserspeier in Gestalt von Dämonenköpfen wieder wie z.B. am Eingang zur katholischen Sakristei.
Der Hauptaltar aus Cottaer Sandstein trägt mehrere Glasmosaiken. Das Altarbild zeigt Christus als Weltenrichter vor einem goldenen Hintergrund. Rechts und links davon stehen die Sandsteinplastiken der Apostel Petrus und Paulus. Hinter dem Altar verläuft ein Prozessionsgang. Über der linken Empore unter der Ostrose befindet sich ein Glasmosaik, das den Erzengel Michael darstellt. Dem gegenüber oberhalb der rechten Empore ist ein gemalter Vorhang zu sehen, der an der Trennwand zum evangelischen Teil die Ökumene symbolisiert. Die Orgelempore besitzt ein kräftiges Gesims aus Blendarkaden. Bei der Orgel handelt es sich um ein pneumatisches Instrument der Firma Jehmlich. Sie wurde restauriert und 2004 wieder eingeweiht. Beeindruckend ist das Gewölbe über dem Mittelschiff, das auf 4 Pfeilern ruht, die jedoch im Gegensatz zum evangelischen Teil keine statische Funktion haben. Die sternförmigen Gewölberippen, die durch ringförmige Schlusssteine betont werden, sind durch verschiedene farbige Ornamente verziert und haben rein dekorative Bedeutung. Die Decke ist mit einem Sternenhimmel in blau und gold sowie vier Engeln ausgemalt. Die Wände bis zur Kämpferhöhe tragen eine Quaderbemalung im Ockerton mit weißen Fugen. Die Restaurierung der Deckenausmalung wurde 2007 abgeschlossen. Die gesamte Restaurierung der Innenausmalung (Sakristei und Kapellen) wurde 2009 abgeschlossen.
Die Ausmalung des katholischen Kirchenraums befindet sich noch heute im Ursprungszustand, wobei sie teilweise originalgetreu restauriert wurde. Im Zuge der Liturgiereform der katholischen Kirche nach dem II. Vatikanischen Konzil wurde 1971/1972 die Kirche nach Plänen des Architekten Gonschor umgestaltet. Dabei entfernte man die Kanzel, zwei Seitenaltäre, den Kronleuchter und die Kommunionbank. Der heutige Zelebrationsaltar in Form eines Omega sowie das Lesepult in Alpha-Form wurden im Rahmen des hundertjährigen Kirchweihjubiläums aufgestellt.
Die 1954 neugestalteten Chorfenster wurden Ende der neunziger Jahre des 20. Jh. restauriert. Die darüber liegenden Fenster im Maßwerk, die Fenster im Prozessionsgang sowie die Nordfenster zeigen noch den Originalzustand. Sie wurden in den letzten Jahren ebenfalls restauriert. Die Restaurierungsarbeiten wurden durch eingenommene Spenden und Mittel des Fördervereins und der Pfarrgemeinde Fanziskus-Xaverius sowie durch Fördermittel finanziert. Die Ostrose war durch Kriegseinwirkung 1945 zerstört worden. Sie wurde danach weiß verglast und ist Ende der achtziger Jahre farblich neu gestaltet worden.
Die Garnisonkirche diente nur bis 1945 der Garnison als Kirche. Seitdem ist sie Heimat der katholischen St.-Franziskus-Xaverius-Gemeinde, deren Kirche an der Hauptstraße durch die Bombenangriffe vom 13./14. Februar 1945 zerstört wurde. (Aus dieser Kirche stammt auch das Mutter-Gottes-Bild im linken Seitenschiff, eine Kopie des heute im Dom St. Jakobus zu Innsbruck hängenden Altarbildes von Lucas Cranach d. Ä.) Eine Seitenkapelle wurde dem Namenspatron der Gemeinde, Franziskus Xaverius, geweiht.
Seit dem Umzug der Offiziersschule des Heeres von Hannover nach Dresden 1998 wird die katholische Seite auch von der Militärseelsorge beider Konfessionen genutzt. Der evangelische Teil wird nicht mehr sakral genutzt. Jahre lang waren dort der Theaterfundus und die Phonothek der ehemaligen Sächsischen Landesbibliothek (heute Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek) untergebracht. Seit 2004 beherbergt der evangelische Teil die Puppentheatersammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und Theaterfundus.